von hand genähte Einzelstücke

Doppio IV. – über Kunst und Gewerbe

Auf dieses Oberteil habe ich lange hingearbeitet. Es ist der beste Beweis dafür, dass es bei Le Ingobernabili dell’Amore um Kunst geht und nicht um Gewerbe.

Eher für eine Bühne als für den Alltag gemacht: der Doppio-Schnitt in vierter Generation.

Tja. Da versucht man mal wieder alles richtig zu machen in Deutschland: Weil ich denke, dass ich, um potenziell eines Tages mal ein Kleidungsstück zu verkaufen, ein Gewerbe anmelden muss, fülle ich kurz vor Weihnachten eine Gewerbeanmeldung aus. Kostenpunkt: ca. 30 Euro. Damit habe ich gerechnet. Dass ich damit in ein behördliches, oder besser gesagt, ein gewerbliches Wespennest steche, war mir hingegen nicht gewusst. Dass sich dieser Prozess parallel zu meiner durchwachsenen Erfahrung mit einem Marktstand vollzieht,1 ist sehr passend.

Das magische Wellenmuster auf dem Seide-Baumwoll-Mischgewebe namens Kutnu.

Ich bekomme zunächst Post von BG ETEM, der Berufsgenossenschaft Energie Textil Elektro Medienerzeugnisse. Dieser Berufsgenossenschaft gehöre ich auf einmal automatisch an. Von einer Pflichtversicherung kann ich mich zum Glück befreien, da ich weniger als 100 Arbeitstage im Jahr in meinem „Unternehmen“ arbeite. Dann kam die Handwerkskammer zu Leipzig. Scheinbar muss ich mich dort eintragen lassen. Ich werde eingestuft als Maß- und Änderungsschneider, obwohl ich diese Begriffe bei der Beschreibung meiner Tätigkeit bewusst vermieden habe.2

Bei der Handwerkskammer werden 100 Euro für meine Eintragung fällig, dazu ein Jahresbeitrag von fast 190 Euro. Was ich mir derweil denke: Ich bin doch kein Handwerker! Ich habe sofort schriftlich Zweifel geäußert, ob dieser Schritt der richtige für mich ist, aber mir wird zumindest das Gefühl gegeben, dass ich keine Wahl habe. Kurz nach meiner Eintragung, auch im Angesicht steigender Kosten, versuche ich noch Widerspruch gegen meine Einstufung als Maßschneider einzulegen und meinen Antrag auf Mitgliedschaft zurückzuziehen. Ich werde zu einem klärenden Gespräch eingeladen.

„Ich glaube, dass ich noch nie eine so exakte, schöne Naht genäht habe.“ (mein Nähtagebuch, 12.02.2026)

Anfang Mai führe ich mit dem Leiter der Abteilung Recht und Ordnung der Handwerkskammer ein wirklich gutes Gespräch. Ich erfahre, dass eine Gewerbeanmeldung bei der Stadt an mindestens zwanzig verschiedenen Stellen im deutschen Bürokratie-Dschungel Automatismen auslöst. Hätte ich das bloß vorher gewusst… Aber das Kind ist schon in den Brunnen gefallen. Jetzt müsse ich eine Entscheidung treffen: Ist meine Absicht gewerblich oder künstlerisch? Stehen Produktion und Gewinn im Vordergrund oder der kreative Prozess und die eigene Wertschöpfung? Auf diese Fragen fallen mir die Antworten zum Glück nicht schwer.

„Es ist einfach ein Traum diesen Stoff zu berühren, zu legen, zu schneiden, zu nähen.“ (mein Nähtagebuch, 28.01.2026)

Damit komme ich nun endlich zu dem Kleidungsstück, das meine eigene Wertschöpfung und den kreativen Prozess wohl am besten spiegelt: Doppio IV. Ein Oberteil aus Kutnu, meinem Lieblingsmaterial, für das ich im letzten Jahr nach İstanbul gereist bin.3 Dieser Stoff ist nicht nur so selten und teuer, dass ich damit wohl nie gewinnbringend produzieren könnte. Er ist zudem so empfindlich, dass er sich im Grunde gar nicht für einen Gebrauchsgegenstand eignet.4 Für mich stehen hier wirklich die Entfaltung meiner Kreativität, die Umsetzung einer künstlerischen Vision in die Tat und die Geschichten, Erfahrungen und Erinnerungen, die ich mit dem Stoff verbinde, im Vordergrund.

Für die Enden der Ärmel und den Halsausschnitt habe ich Schrägbänder hergestellt, die sich sehr sauber anbringen ließen.

Ich liebe es mit Kutnu zu arbeiten: „Dieser Stoff ist einfach ein absoluter Traum“, schreibe ich in mein Nähtagebuch. Mir bedeutet dieses Teil wirklich viel. An meinem Marktstand habe ich hingegen beobachtet, dass Doppio IV. nur sehr wenig Aufmerksamkeit bekommen hat. Das gibt mir zu denken: Die Trajektorie von Le Ingobernabili dell’Amore führt vielleicht nicht auf eine Kleiderstange, sondern in eine künstlerische Umgebung, eine Ausstellung oder eine Bühne. Ich gehöre zu einem kleinen Theaterlabor. Dort habe ich in der Vergangenheit eine Performance entwickelt mit einer Figur, der dieses leuchtend goldene Oberteil perfekt stehen würde.

Ich habe ohnehin diese Vision, dass sich die verschiedenen Teile meiner Kreativität eines Tages zu einem großen Gesamtwerk vermischen: Musik machen, Schauspielen, Schreiben und auch Nähen. Doppio IV. ist ein Beweis und dieser Text ist ein Bekenntnis dazu, dass ich ein Kunstschaffender und kein Gewerbetreibender bin. In Absprache mit der Handwerkskammer habe ich mein Gewerbe nun also wieder abgemeldet. Dieser Irrtum lässt sich hoffentlich möglichst geräuschlos rückabwickeln.5

Eine Besonderheit des Doppio-Schnitts: Vorder- und Rückseite bestehen aus je zwei gespiegelten Teilen.

Die Klarheit, die ich jetzt bei der Frage Kunst oder Gewerbe bekommen habe, trifft auf einen fruchtbaren Boden und inspiriert mich weiter: Ich sollte darauf hinarbeiten, meine Teile eher in Form einer Ausstellung oder einer Performance zu zeigen, als auf einem Markt oder in einem Geschäft. Auch die Einrichtung eines Online-Shops wollte ich mir ohnehin schon sparen. Ich will die Weiterentwicklung meiner Stücke und ihre Einzigartigkeit in den Vordergrund stellen und nicht Teile in Serien produzieren. Und mit diesen Grundsätzen möchte ich auch wieder mehr Zeit in das Nähen investieren.

Fakten zu Doppio IV.

  • Material: 100% Kutnu (Seide und Baumwolle)
  • Schulterweite: 46 cm
  • Länge: 46 cm
  • fertiggestellt am 13.02.2026
Zick-Zack-Stiche an der französischen Naht am Rücken. Auf solche Details muss ich an anderer Stelle noch einmal eingehen.
  1. Siehe meinen letzten Eintrag, in dem ich von dieser Erfahrung und die damit aufkeimenden Fragen berichte. ↩︎
  2. Ich schneidere weder nach Maßen, noch ändere ich Kleidung auf Wunsch von Kunden. Ich habe nichts von beidem gelernt und ich fände es anmaßend, mir selbst diese Bezeichnung zu geben. Von der Abteilung Recht und Ordnung der Handwerkskammer erfahre ich später, dass die vom Gesetzgeber gewählten Bezeichnungen Maßschneider und Änderungsschneider für viel Ärger und Diskussion sorgen und man damit nicht glücklich ist. ↩︎
  3. In diesem Beitrag berichte ich von meiner Suche nach dem Stoff, der nur in einer bestimmten Region der Türkei hergestellt wird. ↩︎
  4. Hier analysiere ich das Material zwei Jahre nachdem ich ein erstes Teil aus Kutnu gefertigt habe. ↩︎
  5. Die Jahresbeiträge werden mir zum Glück erlassen, die Gebühr zur Eintragung leider nicht. Für das Verständnis des Abteilungsleiters Recht und Ordnung der Handelskammer bin ich insgesamt dennoch sehr dankbar. Er konnte meine Leidenschaft für das Nähen und meine Anliegen durchaus nachvollziehen. Dieses System ist einfach nicht für Menschen wie mich gemacht. ↩︎