Dies ist die Geschichte meiner ersten Verarbeitung eines Kutnu-Stoffes aus der Türkei. Ich ziehe Bilanz: was nach knapp zwei Jahren daraus geworden ist und was ich daraus gelernt habe.

Dieses Stück ist Teil einer längeren Geschichte. Ihr Anfang, in dem es darum geht, wie ich im Dezember 2023 in Ankara auf einen leuchtend roten, seidigen, aber sehr teuren Stoff gestoßen bin, habe ich hier aufgeschrieben. Die Fortsetzung an dieser Stelle beschreibt, wie ich im November 2025 in İstanbul nach diesem Stoff gesucht und ihn gefunden habe. Nun habe ich bisher wenig darüber geschrieben, was ich mit diesen Stoffen gemacht habe. Diese Lücke soll sich jetzt und in den kommenden Wochen schließen.

Der Stoff, von dem ich zugeben muss, inzwischen ein wenig besessen zu sein, heißt Kutnu. Er ist ein Mischgewebe aus Seide und Baumwolle mit einer einzigartig, wasser- und wellenartig schimmernden Oberfläche.1 Im Frühjahr 2024 habe ich mich getraut, meinen ersten Kutnu zu einem Kleidungsstück zu machen, denn ich wollte diesen Stoff im Sommer zu meinem Geburtstag tragen. Vorher habe ich quasi als Testlauf an einem anderen Stoff einen Schnitt entwickelt, der sich mit einer Stoffbreite von nur 50 cm realisieren lässt. Das Ergebnis war Doppio I.

Die hier gezeigten Bilder sind erst vor wenigen Wochen entstanden. Sie zeigen also nicht, wie das Stück vor zwei Jahren bei seiner Fertigstellung ausgesehen hat, sondern wie es heute aussieht. Dieser Blick ist etwas ernüchternd, auf lange Sicht aber vor allem lehrreich für mich. Er führt mir vor Augen, wie ich vor knapp zwei Jahren noch genäht habe. Ich sehe an den Nähten und Säumen einiges, was ich heute sauberer und genauer machen würde. Rückblickend habe ich das Gefühl, dass ich damals ungeduldig beim Nähen war. Ich habe mir beispielsweise nicht die Mühe gemacht einen ordentlichen Saum zu nähen. An den Enden der Ärmel befindet sich einfach die Webkante des Stoffes.

Hinsichtlich der Entwicklung meiner Fähigkeiten kann ich also zufrieden sein. Woher kommt dann die Ernüchterung? Erstens: Der Stoff hat von seinem magischen Glanz einiges eingebüßt. Es scheint, als gehe dieser beim Waschen verloren. Ich habe das Oberteil zwar nicht oft getragen und wohl noch seltener gewaschen, ich schätze so höchstens sechs bis acht mal und auch nur mit Feinwaschmittel, aber dennoch: Im Vergleich zu meinen noch ungewaschenen Stoffresten ist der Unterschied sehr deutlich. Auch wenn der Stoff weiterhin schön ist und die Wellen noch in Ansätzen erkennbar sind.

Zweitens: An den Nähten auf der Brust und dem Rücken haben sich Lücken zwischen der Naht und den Kettfäden des Stoffes gebildet, die sich durch horizontale Spannung leicht noch vergrößern lassen. Zuerst dachte ich, dass ich hier einen Anfängerfehler gemacht und quer zum Fadenlauf geschnitten und genäht hätte. Aber nein: Die Nähte verlaufen in Richtung der Webkante. Ich führe diese Schwäche auf mehrere Punkte zurück: Kutnu ist selbst kaum dehnbar. Dadurch überträgt sich die Spannung sehr stark auf die Nähte.

Mein Oberkörper ist zwar nicht besonders breit, aber die Bewegung hat anscheinend ausgereicht, um die Kettfäden ein Stück weit aus der Naht zu ziehen. Hinzu kommt, dass Kutnu von Hand und damit relativ locker gewebt ist. Das Waschen hat den Stoff zusätzlich deutlich weicher, beinahe flutschig wie Viskose werden lassen. Tatsächlich lassen sich die Kettfäden mit den bloßen Fingern auseinander schieben. Bei meinem neuen Kutnu, der noch ungewaschen und um einiges fester ist, geht das nicht so leicht.

Ich habe gerade ein neues Oberteil aus meinem neuen Kutnu fertig gestellt – darüber werde ich demnächst berichten – und habe versucht aus dem jetzigen Zustand von Doppio II. zu lernen. Beispielsweise könnten Zick-Zack-Nähte oder Abnäher die Spannung reduzieren. Oder man näht die Oberteile von Anfang an ein Stückchen größer, vor allem weiter. Eine wichtige Lehre ist aber auch: Kutnu ist wirklich ein äußerst feines und empfindliches Material und daher wohl nicht für den täglichen Gebrauch geeignet. Und: Auf keinen Fall waschen, sondern nur trocken reinigen.2

Was denke ich nun persönlich über mein Lieblingsmaterial? Auch wenn ich Doppio II. wohl nicht mehr tragen und eventuell sogar auflösen werde – vielleicht lässt sich noch etwas anderes daraus fertigen – bin ich sehr froh mit diesem Teil gewesen. Immerhin ist es zu so etwas wie meinem Logo geworden. Und die wenigen Male, die ich es selbst getragen habe, habe ich mich nicht nur sehr wohl darin gefühlt. Sie haben auch zu interessierten Fragen und Komplimenten geführt. Ich verbinde sehr schöne, persönliche Erinnerungen mit dem Stoff und werde sicherlich nicht aufhören mit Kutnu zu arbeiten.

Diese Geschichte wird sich fortsetzen: Ich habe bereits ein weiteres, neues Teil aus Kutnu genäht, das ich bald präsentieren werde. Und ich habe noch drei Meter unberührten Stoff vorrätig. Tatsächlich denke ich bereits darüber nach, wann und wohin ich meine nächste Reise in die Türkei unternehmen könnte, um mehr von diesem sündhaft teuren Stoff anzuschaffen.3 Was ich jetzt schon an Wissen und Erfahrung gesammelt habe, soll ja nicht ungenutzt bleiben.
- Es handelt sich wohl um Moiré Kutnu, das exklusiv in Gaziantep in der Türkei hergestellt wird. Siehe dazu diesen interessanten Vergleich: https://www.anatoliantextures.com/blogs/news/moire-kutnu-vs-moire-fabric. (letzter Zugriff 13.02.2026) ↩︎
- Auch Bügeln sollte man nur mit äußerster Vorsicht, auf Stufe 1 und mit einem Tuch dazwischen. ↩︎
- Auf dieser Seite kann man Kutnu auch bestellen, für nur 45 US Dollar pro Meter. Wenn man für ein Oberteil wie Doppio II. schon drei Meter Stoff braucht, kann man sich schnell ausrechnen, wie teuer ein solches Stück im Verkauf sein müsste. Wirtschaftlichkeit ist für mich wirklich keine Motivation mit diesem schönen Material zu arbeiten. (letzter Zugriff 14.02.2026) ↩︎

- Doppio II. (eine Analyse nach zwei Jahren)
Eine schonungslose und lehrreiche Analyse meines ersten Näh- und Pflegeversuchs mit meinem Lieblingsmaterial. - Cuma I.
Eines meiner absoluten Lieblingsteile: Cuma I., ein grün-gelbes, kuschelig-weiches Upcycling-Stück. - Baran I.
Sind das Rosenblätter, die da regnen? Hier ist Baran I., ein feines und leichtes Therapie-Teil. - Das Label II.
Ich widme mich (mal wieder) meinem Italienisch. Und zum Jahreswechsel ziehe ich eine kleine Zwischenbilanz. - Renata II.
Renata II. ist aus hyper-blauer Agavenseide gefertigt. Ach, und ich beginne über Sinn und Zweck meiner Kreationen nachzudenken. - Doppio I.
Links wie rechts, vorne wie hinten. Doppio I. ist wie geschaffen für einen doppelten Espresso in der italienischen Sonne.