von hand genähte Einzelstücke

Baran I.

Weitermachen, immer weitermachen. Es ist eine Kunst dran zu bleiben, auch wenn der Antrieb ins Stocken gerät. Baran I. ist ein Stück wie geschaffen für den kleinen Eskapismus zwischendurch.

Alleinunternehmer sein ist toll. Ich mache alles selbst, kann alles selbst entscheiden, kann alles machen wann und wie ich es möchte. Aber ich muss auch alleine die nötige Energie und Motivation aufbringen. Dass Phasen kommen, in denen andere Sachen mal relevanter werden, ist selbstverständlich. Zum Beispiel meine aktuelle Jobsuche. Oder die politische Weltlage. Letztere ist nicht nur relevanter, sondern wirklich demotivierend. Es ist Januar 2026. Iran, Rojava, Gaza. Die Liste ließe sich fortsetzen. Es ist wie ein nicht enden wollender Regen schlechter Nachrichten, egal in welche Himmelsrichtung man schaut.

Mir fällt es nicht leicht, mir zu jedem meiner Kleidungsstücke einen gut gelaunten Text auszudenken. Ich sehe das Schreiben als einen wesentlichen Teil meines Projektes. Es soll ehrlich und nicht bloß Werbung sein. Also reflektiere ich, wie es mir gerade mit meiner Arbeit für Le Ingobernabili dell’Amore geht: Was das reine Nähen betrifft, waren die letzten Tage frustrierend und lehrreich zugleich. Darauf werde ich in naher Zukunft noch zurückkommen. Was das Schreiben betrifft, bin ich irgendwie gehemmt. Aber immerhin habe ich die Aussicht auf einen Stand bei einem Kreativmarkt im April. Darauf kann ich hinarbeiten.

Es ist also nicht alles schlecht. Und hin und wieder muss man für die eigene mentale Gesundheit dem grausamen Nachrichtengewitter für eine Weile entkommen. Ich will mich für den Moment unterstellen und auf das schauen, was ich bereits geschaffen habe. Deswegen hier ein Stück, das rote Rosenblätter regnen lässt. Ich habe dafür das schöne kurdische Wort „Baran“ gefunden, was übersetzt „Regen“ bedeutet. Es ist ein besonderes Teil, das keinen Vorgänger hat und auf eine eigenwillige Art und Weise entstanden ist.

Persönlich bedeutet mir dieses Stück etwas, weil ich es selbst auf meiner eigenen Geburtstagsparty im vergangenen Jahr getragen habe. Das sind schöne Erinnerungen. Außerdem ist es das einzige Stück, das ich aus diesem Stoff anfertigen konnte. Ich hatte diesen eher kleinen Stoffrest in Leipzig beim Stoffhändler meines Vertrauens gekauft. Das Material ist 100% schön weiche, geradezu flutschige Viskose, die ja auch als Kunstseide bekannt ist. Darüber hinaus ist Baran I. ein klassischer Fall von einem Kleidungsstück, dessen Design sich erst im Herstellungsprozess entwickelt hat.

Die Grundidee war eher ein Experiment: Auf Seitennähte wollte ich verzichten. Vorder- und Rückseite bestehen aus einem durchgängigen, breiten Stoffteil. Dann war die Frage, ob und wie ich die beiden vorderen Enden miteinander verbinde. Aus verschiedenen Gründen versuche ich es (noch) zu vermeiden einfache Knopflöcher zu nähen. Das erschien mir für diesen schönen Stoff auch ein bisschen zu langweilig. Also habe ich eine flexible Verbindung entwickelt, die sich von der einen zur anderen Seite schlängelt und genug Spiel hat, so dass sich das Teil über den Kopf ziehen lässt.

Baran I. war mein allererster Versuch mit Viskose. Mit etwas zeitlichem Abstand und etwas mehr Erfahrung muss ich sagen, dass die eine oder andere Naht sauberer sein könnte. Dennoch finde ich das Experiment insgesamt gelungen. Und mehr möchte ich zu Baran I. auch gar nicht sagen. Damit habe ich also doch einen Text geschrieben. Es stimmt, dass Schreiben immer therapeutisch ist. Ich merke, dass ich mich danach besser fühle. Und ich frage mich bei näherem Hinsehen, ob es sich bei diesen roten Flecken wirklich um Rosenblätter handelt. Aber weiter denke ich jetzt nicht.

Fakten zu Baran I.

  • Material: 100% Viskose
  • Schulterweite: 40 cm
  • Länge: 47 cm
  • fertiggestellt im Sommer 2025
  • Doppio II. (eine Analyse nach zwei Jahren)
    Eine schonungslose und lehrreiche Analyse meines ersten Näh- und Pflegeversuchs mit meinem Lieblingsmaterial.
  • Cuma I.
    Eines meiner absoluten Lieblingsteile: Cuma I., ein grün-gelbes, kuschelig-weiches Upcycling-Stück.
  • Baran I.
    Sind das Rosenblätter, die da regnen? Hier ist Baran I., ein feines und leichtes Therapie-Teil.
  • Das Label II.
    Ich widme mich (mal wieder) meinem Italienisch. Und zum Jahreswechsel ziehe ich eine kleine Zwischenbilanz.
  • Renata II.
    Renata II. ist aus hyper-blauer Agavenseide gefertigt. Ach, und ich beginne über Sinn und Zweck meiner Kreationen nachzudenken.
  • Doppio I.
    Links wie rechts, vorne wie hinten. Doppio I. ist wie geschaffen für einen doppelten Espresso in der italienischen Sonne.