Kennern der italienischen Sprache dürfte es nicht entgangen sein: In Le Ingobernabili dell’Amore stecken sogar zwei sprachliche Fehler. Das ist ein Anlass noch einmal über mein Label, seinen Namen und meine kreative Tätigkeit insgesamt zu reflektieren.

Es ist 2026. Ein neues Jahr hat begonnen und meine Arbeit an Le Ingobernabili dell’Amore durfte für ein paar Wochen ruhen. Ich ziehe eine Zwischenbilanz: Ich habe seit dem Herbst eine Webseite gebaut, auf der ich inzwischen sechs verschiedene Kreationen ausführlich vorgestellt habe. Ich habe einen Reisebericht geschrieben, zu verschiedenen Stoffen recherchiert, einen Haufen Fotos gemacht, einen Instagram-Account gestartet. Natürlich habe ich auch das eine oder andere neue Teil genäht. Insgesamt bin ich mit meinen Fortschritten recht zufrieden.
In der Vorweihnachtszeit habe ich zwei weitere Dinge getan: Erstens habe ich eine gewerbliche Tätigkeit angemeldet. Das heißt, dass ich ab sofort ganz offiziell meine Kleidungsstücke mit der Intention wirtschaftlichen Gewinn zu erzielen verkaufen darf. Dazu später mehr. Zweitens habe ich den Link zu meiner Webseite in meiner Verwandtschaft verbreitet. Da nämlich meine Eltern und Geschwister mehrere hundert Kilometer von Leipzig entfernt leben, bekommen sie nicht immer sofort mit, wie ich mich kreativ gerade auslebe und was dabei herauskommt.

Das Feedback meiner Familie war durchweg positiv und motivierend. Aber die Historikeraugen meines Vaters blieben am Namen meines Labels natürlich hängen: Le Ingobernabili? Ist das Absicht? Um ehrlich zu sein: Ich kann es nicht mehr so genau sagen. In meinem allerersten Beitrag habe ich schon den falschen Buchstaben im Wort „Ingobernabili“ erklärt. Aber auch die Abstimmung mit dem Artikel „Le“ ist fehlerhaft, wie mein Vater mir sogleich erklärte. Der Artikel deutet auf eine Gruppe von Frauen hin, die Endung auf -i in „Ingobernabili“ jedoch auf eine vom Gender her gemischte Gruppe.1
Vermutlich könnte ich aus dieser Vermischung ein großes theoretisches Konstrukt bauen, darauf eingehen, dass meine Kleidungsstücke weder speziell für weibliche, noch für männliche Körper gedacht sind, sondern als unisex verstanden werden sollen.2 Ich könnte meine Sympathien für feministische Positionen anführen, um hier ein politisches Statement zu markieren. Die Wahrheit ist: Ich hatte diese Ungenauigkeit nicht (mehr) auf dem Schirm, als mein Vater mich darauf aufmerksam machte.3 Möglicherweise war sie mir bewusst, als ich die Herstellung meiner Labels in Auftrag gegeben habe. Falls ja, hatte ich es vergessen.

Eine dritte Sache ist in den letzten Wochen passiert: Ich habe begonnen, mich theoretisch mit den Themen Mode, Kleidung und Design zu beschäftigen. Ich habe einige Essays über die Kreationen und Arbeitsweisen der Japanerin Rei Kawakubo gelesen. In einem Essay heißt es, Kawakubo habe keine europäische Sprache sprechen können, als sie entschied ihr Label „Comme des Garçons“ zu nennen. Sie habe die Worte in einem Lied von Françoise Hardy gehört und ihren Klang einfach gemocht.4 Ich mag diesen Spirit.
Auf Kawakubo, die wie ich selbst nie eine Design-Schule besucht hat, werde ich an anderer Stelle wohl noch einmal zurückkommen. Mich beschäftigt derzeit noch ein weiteres Buch: Das schönste Gewerbe der Welt von der Kulturanthropologin Giulia Mensitieri. Sie durchleuchtet darin die Welt der High Fashion, insbesondere in Paris: den Hyperkapitalismus, die Arbeitsbedingungen, das allgegenwärtige Begehren, sowie das Spiel mit ökonomischem und symbolischem Kapital.5 Das bringt mich zurück zur Wirtschaftlichkeit meines eigenen Gewerbes.

Natürlich wünsche ich mir, dass meine Stücke von Menschen in die Welt getragen werden. In nicht allzu ferner Zukunft werde ich mir so etwas wie ein Preismodell überlegen, möglicherweise einen Onlineshop einrichten. Ich werde mir damit jedoch Zeit lassen. Ohne an dieser Stelle auf die absurden Spielregeln der Modewelt näher einzugehen, kann ich sagen, dass ich nicht an diesem Spiel teilnehmen will, sondern meinen eigenen Weg suchen werde.
Bei meinem neuesten Stück (es trägt den oben abgebildeten Flamingo!) habe ich deutlich gemerkt, dass die Dinge manchmal eine Weile ruhen oder gar einen Schritt zurück machen müssen, bevor sie in die richtige Richtung weitergehen können. In diesem Sinne entwickelt sich Le Ingobernabili dell’Amore zu einer Form von Slow Fashion, die ich in meinem eigenen Tempo vorantreiben werde. Ganz sicher ist, dass es in 2026 und auch darüber hinaus weitergehen wird. To be continued…
- Grammatikalisch korrekt wäre also entweder „Le Ingobernabile“, wenn es sich nur um Frauen handelt, oder „Gli Ingobernabili“, wenn die Gruppe gemischt ist. ↩︎
- Ich muss zugeben, dass meine eindeutig weiblich geformte Schaufensterpuppe, an der ich bisher meine Stücke fotografiere, ein weibliches Zielpublikum suggeriert. ↩︎
- Ich bin meinem Vater dankbar dafür, denn sein Hinweis hat mich wieder ans Schreiben gebracht. ↩︎
- Barbara Vinken. „The empire designs back (excerpt)“. In: Rex Butler (ed.), Rei Kawakubo: For and Against Fashion, London: Bloomsbury, 2023: 35–42. ↩︎
- Giulia Mensitieri, Das schönste Gewerbe der Welt, Berlin: Matthes & Seitz, 2021. Auch über dieses faszinierende Buch möchte ich an anderer Stelle noch mehr schreiben. ↩︎
- Doppio II. (eine Analyse nach zwei Jahren)
Eine schonungslose und lehrreiche Analyse meines ersten Näh- und Pflegeversuchs mit meinem Lieblingsmaterial. - Cuma I.
Eines meiner absoluten Lieblingsteile: Cuma I., ein grün-gelbes, kuschelig-weiches Upcycling-Stück. - Baran I.
Sind das Rosenblätter, die da regnen? Hier ist Baran I., ein feines und leichtes Therapie-Teil. - Das Label II.
Ich widme mich (mal wieder) meinem Italienisch. Und zum Jahreswechsel ziehe ich eine kleine Zwischenbilanz. - Renata II.
Renata II. ist aus hyper-blauer Agavenseide gefertigt. Ach, und ich beginne über Sinn und Zweck meiner Kreationen nachzudenken. - Doppio I.
Links wie rechts, vorne wie hinten. Doppio I. ist wie geschaffen für einen doppelten Espresso in der italienischen Sonne.