von hand genähte Einzelstücke

Das Tagebuch

Ein Buch mit Bestimmung: Weil man an seiner eigenen Geschichte selbst schreiben muss, führe ich ein Nähtagebuch. Wo es herkommt, wie ich es nutze und was es mir schon erzählen kann.

Mein Nähtagebuch hat einen Einband aus Leder.

Am 19. Januar 2025 habe ich folgende Sätze geschrieben:

Dieses Buch hat hiermit eine Bestimmung. Es soll meinen Fortschritt und all meine Tätigkeiten rund um das Nähen von Kleidungsstücken dokumentieren. Es ist damit das Begleitbuch zu Le Ingobernabili dell’Amore.

Es sind die ersten Sätze in einem bis dahin leeren Notizbuch. Am 16. Januar, also drei Tage vorher, war ich von einer vierwöchigen Reise kreuz und quer durch Marokko zurückgekehrt. In Marrakesch, meiner ersten Station, habe ich dieses wunderschöne, handgemachte Buch bei einem Lederhändler gekauft. Es ist so ein Produkt, das wohl vollständig aus dem verworrenen Wirtschaftskreislauf einer Medina hervorgeht und absolut individuell ist. Die Farbe und das Muster des Einbands, das Papier, die Ecken und Kanten von jedem Buch waren verschieden.1

Ein Buch, genauso individuell wie ein selbst geschneidertes Kleidungsstück.

Ich hatte mir für meine Reise vorgenommen, mit dem Schreiben zu beginnen. Ich führte auch ein Reisetagebuch, aber dieses dunkelrote Buch nahm ich leer mit zurück nach Deutschland, noch ohne zu wissen, wofür ich es mal verwenden würde. Und tatsächlich war das vierwöchige Training meiner Schreibmuskulatur nachhaltig, denn ich habe auch nach der Reise weitergeschrieben. Mir wurde schnell klar: Wenn ich ernsthaft mit dem Nähen weitermachen wollte, wenn es irgendwo hin führen sollte, wenn daraus eine Geschichte werden sollte, dann muss ich darüber schreiben. Zwar habe ich schon weit vor Marokko erste Kleidungsstücke genäht, aber ich habe während der Reise noch einmal eine innere Entscheidung für diese Tätigkeit getroffen. Und diese galt es auch mit Worten zu manifestieren.

Die erste Seite in meinem Nähtagebuch.

Knapp elf Monate nach meinem ersten Eintrag ist dieses doch eher dünne Buch noch nicht ganz zur Hälfte gefüllt. Das klingt eigentlich enttäuschend. Aber erstens variierten im Laufe der Monate sowohl die Zeit als auch der Aufwand, die ich ins Nähen stecken konnte.2 Zweitens hat sich auch verändert, wie ich das Buch nutze. Ich habe anfangs sehr penibel beschrieben, was ich wie und in welchem Abstand, mit welcher Nadel und welcher Stichlänge genäht habe. Was funktioniert hat und was nicht. Das ist alles gut und hilfreich, aber interessantester sind die Kommentare und Gefühle, die ich beim Nähen niedergeschrieben habe.

Ich merke gerade, dass es gut tut, über das Nähen zu schreiben. Mir kommen sogar Ideen dabei. Hier spricht schließlich mein Unterbewusstsein. (11.9.2025)

Heute war das Nähen mal wieder einigermaßen frustrierend. (16.10.2025)

Zitat vom 15.2.2025: „Ja, scheiße. Da war ich insgesamt einfach zu geizig mit dem Stoff.“

Was mir dieses Buch jetzt schon beim Durchblättern sagt: Hat man seinen Perfektionismus erst mal abgelegt, macht alles gleich viel mehr Spaß. Außerdem kommt man schneller voran. Den Umgang mit Fehlern habe ich schon in meinem ersten Text über den Namen meines Labels thematisch angeschnitten. Die kleinen Ungereimtheiten sollte man willkommen heißen, denn sie machen die Dinge erst interessant. Das gilt für die Kleidungsstücke, die ich nähe, genauso wie für das Tagebuch. Ich muss darin nicht alles perfekt und immer gleich dokumentieren. Und ein von Hand gefertigtes Buch darf auch seine Macken haben.

Die ohnehin schon eher rauen Blätter des Buches haben auch ihre Ungereimtheiten.

Auch wenn mein Füller manchmal über das raue, dunkle Papier kratzt, macht es unheimlich viel Spaß in dieses Buch zu schreiben. Jeder Eintrag schreibt meine Geschichte und die von Le Ingobernabili dell’Amore fort. Es lohnt sich außerdem, seine Ziele festzuhalten. Die Visionen und Ideen, selbst wenn man ohne eine feste Methode nur hin und wieder mal durchblättert und liest, was man in der Vergangenheit getan und geschrieben hat. Jedes Schreiben ist ein Gespräch mit dem Unbewussten und fördert etwas zutage, was man sonst nicht so gesehen, gefühlt oder gewusst hätte. Das ist sehr wertvoll.

Auch ein schönes Schreibwerkzeug gehört dazu.

Ich habe alles da: Eine gute Maschine, gute und aufregende Stoffe, sowie eine Vision von meinem Signature-Teil: Das bauchfreie Oberteil mit langen Ärmeln. (19.01.2025)

Diese Vision von meinem Signature-Teil habe ich ebenfalls in meinem ersten Eintrag festgehalten. Es ist schön, wenn man kreative Prozesse manchmal sogar bis an ihre Anfänge zurückverfolgen kann. Im besten Fall begleitet mein Tagebuch nicht nur Le Ingobernabili dell’Amore, sondern wird ein Teil davon und trägt zum Gelingen der kreativen Prozesse bei. Und noch etwas: Es wird sich – zumindest vorerst – niemand anderes hinsetzen und über Le Ingobernabili dell’Amore schreiben. Ich bin seit Jahren kreativ und habe gelernt: Wenn Dinge passieren sollen, muss man sie selbst machen. Die Autorschaft der eigenen Geschichte trägt man selbst.

  1. Wenn man sich etwas abseits der von Touristen überlaufenen Gassen bewegt, findet man auch in den Altstädten Marokkos noch diese winzigen Läden, in denen man dabei zusehen kann, wie die verkauften Waren hergestellt werden, z.B. alle möglichen Lederwaren, Kleider oder Schachfiguren. ↩︎
  2. Ich würde es ja gerne noch viel öfter machen, aber ich muss auch Geld verdienen, um meine Miete zu zahlen. ↩︎
  • Renata II.
    Renata II. ist aus hyper-blauer Agavenseide gefertigt. Ach, und ich beginne über Sinn und Zweck meiner Kreationen nachzudenken.
  • Doppio I.
    Links wie rechts, vorne wie hinten. Doppio I. ist wie geschaffen für einen doppelten Espresso in der italienischen Sonne.
  • Cuma IV.
    Mit Cuma IV. kann man das Feuer in die Welt tragen. Dazu hat dieser Beinahe-Sweater ein Beinahe-Innenfutter.
  • Renata I.
    Früher Wandteppich, heute wiedergeboren, um unbemerkt die linke Hand zur Faust ballen. Das ist der Mantel Renata I.
  • Das Tagebuch
    Niemand schreibt deine Geschichte für dich auf: Deswegen muss man Tagebuch schreiben. In diesem geht es nur ums Nähen.
  • Cuma III.
    Ein bauchfreies Oberteil mit langen Fledermausärmeln. Außen leuchtet Agavenseide, innen streichelt einen die Kimonoseide. Das ist Cuma III.