Die Mission İstanbul ist beendet, und zwar mit Erfolg! Es war tatsächlich nicht besonders schwierig den leuchtend roten Stoff zu finden. Ich bin auf meiner Suche auch ein wenig schlauer geworden, denn ich habe über die Herkunft und die Geschichte des Stoffes einiges herausgefunden. Dazu auch noch seine korrekte Bezeichnung: Kutnu.

Die einwöchige Reise nach İstanbul war auch und vor allem ein Urlaub zusammen mit meiner Freundin. Trotzdem hatte ich mein kleines Stoffmuster vom ersten Tag an in meiner Tasche. Auf unserer ersten und einzigen Runde über den Kapalı Çarşı, den Großen Basar, den wir gleich am ersten Tag abhakten, ist mir kein Stoffhändler ins Auge gesprungen. Auch wenn sich in diesem Gewusel sicher einige Stoffhändler verstecken, hatte ich mir ohnehin nicht unbedingt ausgemalt, in den von Touristen überlaufenen Ecken nach meinem Stoff zu suchen. Unsere Ferienwohnung lag im Stadtteil Kadıköy, auf der anatolischen Seite İstanbuls. Also suchte ich mir dort ganz klassisch mit Google Maps ein paar Stoffgeschäfte heraus, die ich gleich am zweiten Tag mal ansteuern wollte.
Noch bevor ich mich auf den Weg machte, waren meine Freundin und ich zu einem Abendessen bei einem befreundeten türkischen Ehepaar eingeladen. Es gab nicht nur ein wahnsinnig gutes vegetarisches Essen mit viel Rakı, sondern, nachdem ich von meiner Stoffmission erzählt hatte, exklusive Tipps von einer älteren Generation geborener İstanbuler. Es entstand die unten abgebildete, handgeschriebene Liste mit Geschäften, die ich aufsuchen könnte. Als kleines Geschenk gaben sie mir auch noch das rechts abgebildete, mehrfarbige Stoffteil dazu. Es ist ca. 180 cm lang, 24 cm breit und es glänzt sehr schön. Wäre ich an dieser Stelle schon etwas weiter in meiner Suche gewesen, hätte ich meinen Augen wohl kaum trauen können. Wie der beigelegten Erklärung zu entnehmen ist, handelt es sich nämlich um Kutnu, einen Stoff der nur in der türkischen Stadt Gaziantep nahe der syrischen Grenze hergestellt wird. Zu diesem Zeitpunkt sagte mir der Begriff „Kutnu“ allerdings noch nichts. Und da dieses Stück anders als das, wonach ich suchte, nicht einfarbig sondern gemustert ist, habe ich ihn mit meinem eigenen Stoff gar nicht in Verbindung gebracht.

Das Wort „Kutnu“ lernte ich erst am nächsten Morgen, als wir in der kleinen Seitenstraße Vahap Bey Sokak in Kadıköy, nur fünf Gehminuten von unserer Wohnung entfernt, mehrere Stoffläden besuchten. Da die aufgelisteten Händler entweder auf der europäischen Seite İstanbuls liegen oder ich sie per Google nicht ausfindig machen konnte, suchte ich noch einmal selbst nach dem Begriff İpek (Seide) und war überrascht: Scheinbar lag unsere Wohnung in unmittelbarer Nähe zu einem kleinen Stoffzentrum. In der unscheinbaren Vahap Bey Sokak befinden sich mindestens fünf oder sechs Stoffläden in enger Nachbarschaft. Touristen begegneten uns hier überhaupt nicht. Und das dritte Geschäft führte tatsächlich genau das, was ich suchte: Einen Stoff, der als Kutnu bekannt ist, wie mir die nette Verkäuferin auf Englisch erklärte. Dass das kleine Geschenk vom Vorabend ebenfalls Kutnu ist – wenn auch eine etwas andere, gemusterte Variante – bemerkte ich tatsächlich erst wieder beim Auspacken in Deutschland.
Das Angebot in diesem Geschäft umfasste eine ganze Palette von Farben, aber meine Euphorie über die erfolgreiche Suche wurde mit meiner Frage nach dem Preis vorerst gebremst. Pro Meter sollte dieser leuchtende Kutnu 1.150 türkische Lira kosten, das sind etwa 24 Euro – und das bei einer Stoffbreite von nur 50 cm! An den Preis in Ankara vor zwei Jahren kann ich mich nicht mehr genau erinnern, aber ich meine, dass es nur etwa die Hälfte gewesen ist. Die Inflation in der Türkei lässt grüßen… Bevor ich mir also die Farben genauer ansehen wollte, musste ich mir in Ruhe überlegen, wie viel ich bereit war zu investieren. Und ich wollte herausfinden, ob der Stoff in anderen Geschäften vielleicht günstiger ist. Drei Meter würde ich schon brauchen, um ein größeres oder zwei kleine Teile nähen zu können. Und ich hätte gerne mehr als eine Farbe mitgenommen. Ein weiteres Geschäft in der Vahap Bey Sokak bot ebenfalls Kutnu an, allerdings in kleinerer Farbauswahl, und zum Preis von sogar 1.250 Lira. Ich beschloss, die Entscheidung vorerst aufzuschieben. Wir ließen uns für ein paar Tage durch verschiedene İstanbuler Stadtviertel treiben, streichelten viele, viele Katzen und ich recherchierte noch ein wenig.

Mit dem Begriff Kutnu fand ich nun selbst heraus, dass es sich um einen besonderen Stoff aus Gaziantep handelt, der in einem aufwändigen Verfahren von Hand gewebt wird. Er besteht außerdem nicht, wie ich bis dahin dachte, zu 100% aus Seide, sondern auch aus Baumwolle. Ich bin zudem bis heute unsicher, ob es sich um echte oder künstliche Seide aus Viskose handelt. Wenn ich den Händler aus Ankara mitrechne, haben zwei Händler von „silk“ gesprochen und eine Händlerin von „artificial silk“. Ich hatte außerdem das Gefühl, dass nicht alle Kutnu-Stoffe genau gleich sind. Nicht alle glänzten in gleichem Maße, nicht alle fühlten sich so weich an, wie das Stück, das ich von meinem roten Stoff mitgebracht hatte. Ein Händler erklärte mir, dass die Härte damit zu tun hätte, ob und wie der Stoff gebügelt wurde. Das leuchtet mir ein. Ich denke, dass weitere kleine Unterschiede, zum Beispiel wie die Stoffe an den Webkanten verarbeitet sind, daher rühren, dass es sich eben um ein handgemachtes und kein Industrieprodukt handelt, das durch den Einsatz von Maschinen kaum Variationen aufweist. Umso überzeugter bin ich, dass es sich lohnt, für den Kauf von Kutnu selbst in die Türkei zu reisen, weil ich denke, dass man den Stoff am besten selbst sehen und fühlen sollte. Hinzu kommt, dass Händler, die Kutnu nach Europa importieren und online anbieten, den Stoff scheinbar noch deutlich teurer verkaufen: Ich habe Preise im Bereich von 40 bis 60 Euro pro Meter gesehen.
Inzwischen bin ich der Meinung, dass es sich wirklich um ein besonderes Gewebe handelt, das nicht sehr weit verbreitet ist. Weder im deutschen, noch im englischsprachigen Wikipedia gibt es einen Eintrag zu Kutnu. Die offizielle Seite der Stadt Gaziantep hat einen Artikel über Kutnu, in dem es heißt, dass Kutnu dort seit dem 16. Jahrhundert hergestellt wird und mitunter für die Herstellung von Gewändern der osmanischen Sultane verwendet wurde. Der Stoff wurde in früheren Zeiten wohl auch in den heutigen syrischen Städten Homs, Hama und Aleppo hergestellt, mittlerweile allerdings nur noch in Gaziantep. Es heißt auch, dass die aktuelle Nachfrage die aufwändige Herstellung kaum rechtfertigt, und dass diese Handwerkskunst daher in Gefahr ist zu verschwinden. Eine Reihe von Produzenten bzw. Händlern werden jedoch noch aufgelistet.1

Für mich stand fest, dass ich wieder Kutnu mit zurück nach Deutschland nehmen wollte. Mehrere Tage vergingen und ich überlegte mir, von zwei Stoffen jeweils drei Meter zu kaufen, mit der Hoffnung, den Preis vielleicht noch etwas runter handeln zu können. Am vorletzten Tag der Reise gingen wir morgens wieder in das Geschäft, wo ich den Stoff zum ersten Mal wiedergesehen hatte. Ich entschied mich nicht für die knalligsten Farben, sondern für ein leicht pastelliges Lila und eine Mischung aus Gold und Champagner. Beide Stoffe haben diesen charakteristischen wellenartigen Glanz, den ich so unvergleichlich finde. Und den Preis konnte ich tatsächlich noch ein wenig nach unten drücken. Der Stoff ist so schön und fühlt sich so gut an, dass für mich letzten Endes zweitrangig ist, ob es sich um echte oder künstliche Seide handelt. Entscheidend ist, was ich nun daraus mache.
- https://gaziantep.ktb.gov.tr/TR-52301/kutnuculuk.html (letzter Aufruf: 12.11.2025, automatisch übersetzt aus dem Türkischen mit Firefox). ↩︎
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Eine schonungslose und lehrreiche Analyse meines ersten Näh- und Pflegeversuchs mit meinem Lieblingsmaterial. - Cuma I.
Eines meiner absoluten Lieblingsteile: Cuma I., ein grün-gelbes, kuschelig-weiches Upcycling-Stück. - Baran I.
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Renata II. ist aus hyper-blauer Agavenseide gefertigt. Ach, und ich beginne über Sinn und Zweck meiner Kreationen nachzudenken. - Doppio I.
Links wie rechts, vorne wie hinten. Doppio I. ist wie geschaffen für einen doppelten Espresso in der italienischen Sonne.